Superman ade

„4:44“ von Jay-Z

Auf 4:44 lässt Jay-Z hinter der sonst kühlen Fassade des Geschäftsmanns mit Rags-to-Riches-Hintergrund einen verletzlichen Ehemann und Vater zum Vorschein kommen, der sich zu eigenen Fehlern bekennt. Mit dieser ungewohnten Offenheit und einem Soundentwurf, der es nicht nötig hat, aktuellen Szenetrends hinterherzulaufen, stellt der „God-MC“ die Weichen für sein vermutlich bestes Studioalbum seit dem Rücktritt vom Rücktritt vor elf Jahren.

Würde man eine Rangfolge aller Jay-Z-Alben aufmachen, dann würde Magna Carta Holy Grail wohl kaum über das untere Drittel der Liste hinauskommen. Zugegeben: Die Konkurrenz in dieser Diskographie ist stark und grottenschlecht war das Album auf keinen Fall. Trotzdem klang Jay-Z darauf schlichtweg zu uninspiriert, war der Soundentwurf schlichtweg zu einfallslos, um sich mit den eigenen früheren Großtaten zu messen.

Letztendlich wirkte Magna Carta mehr wie eine Pflichterfüllung gegenüber Vertragspartnern als ein Akt der musikalischen Leidenschaft. Die Luft schien raus zu sein bei Jay-Hova –  jenem MC, der sich, eines zwischenzeitlichen Karriereendes zum Trotz, fast zwei Jahrzehnte lang an der Spitze der Rap-Szene gehalten hatte. Hatte Jay-Z, was als End-Vierziger mit Kontostand in Milliardenhöhe und mehr als zehn Nummer-eins-Alben ja auch nicht allzu verwunderlich wäre, endgültig seine ganze Munition verschossen?

Auf 4:44, seinem nunmehr 13. Studioalbum, beweist der selbsternannte „God-MC“ jetzt das Gegenteil. Dieses Album, obgleich erneut von einer nicht ganz unstrittigen Veröffentlichungspolitik begleitet, hat nichts vom uninspirierten Kalkül des Vorgängerprojekts. Jay-Z, der so gefühlskalte wie unfehlbare Geschäftsmann, macht hier Platz für Shawn Carter, reuevoller Ehemann und Vater. Damit fügt der Rapper seiner ellenlangen Diskographie nicht einfach nur eine weitere Platte hinzu, sondern eine völlig neue Facette.

Inspiriert hat diese noch vor zwei Jahren kaum erwartbare Entwicklung freilich niemand anderes als Jay-Zs Ehefrau Beyoncé. Die rechnete auf Lemonade im vergangenen Jahr beinahe auf gesamter Albumlänge mit den Fehltritten ihres Ehemanns ab, erzählte auf auch für ihre Diskographie ungewohnt direkte Art und Weise von Affären mit „Beckys with the good hair“.

Totzuschweigen war all das für Jay-Z längst nicht mehr. „It took me too long for this song“, gibt er deswegen auf „4:44“ zu. Dass er beim Titeltrack seines neuen Albums einer Eingebung gefolgt sei, die ihn nachts um 4:44 Uhr ergriffen habe, mag man Jay-Z glauben oder nicht. Offensichtlich ist jedoch, dass er hier mehr denn je aus dem Herzen spricht. Jay-Zs Wortwahl ist wohlüberlegt, seine Stimme wirkt auf der Aufnahme nahezu drucklos, völlig niedergeschlagen – umso mehr im finalen Verse des Songs, in dem Jay nicht länger Beyoncé, sondern die gemeinsame Tochter Blue Ivy adressiert: „My heart breaks for the day I have to explain my mistakes / And the mask goes away, and Santa Claus is fake / And you go online and see / For Blue’s tooth, the tooth fairy didn’t pay.“ Die Superman-Fassade, die neben Jay-Zs Tochter auch seine Fans bis dato von ihm gewohnt waren, hat an dieser Stelle längst schon aufgehört zu bröckeln: Sie ist gänzlich verschwunden.

Auch im Hinblick auf die musikalische Untermalung bildet 4:44 ein Novum in der Jay-Z-Diskographie: Erstmalig sitzt hier durchgehend ein und derselbe Produzent an den Reglern. Und genauso wie Jay-Z macht auch der – es handelt sich um den aus Chicago stammenden Pad-Veteranen No I.D. – keinerlei Kompromisse. Dreckig, ungefiltert und gefühlvoll zugleich klingen die Beats, in denen No I.D. allerhand Samples zerstückelt, für die er nicht immer allzu tief in die Plattenkiste greifen musste. Auf etwa der Hälfte der Songs lieferte Jay-Z seinem Produzenten die Samples sogar direkt mit, zumindest lässt das sein Auftauchen als Co-Produzent in den Credits der betreffenden Tracks vermuten.

Und dennoch: Den Mut, die einleitenden Vocal-Noten von Stevie Wonders „Love’s in need of love today“ derart bockbeinig zu choppen wie auf „Smile“, Jay-Zs stimmungsvollem Appell an das Lächeln im unglücklichen Moment, muss ein Produzent erst einmal aufbringen. Auf 4:44 geht diese Rechnung fast immer auf. Einzig auf „Moonlight“ gerät No I.D.s „Fu-Gee-La“-Flip, auch dieser vermutlich ein Wunsch Jay-Zs im Hinblick auf die Hook des Tracks, ein wenig zu eintönig.

Aller bis dahin gehörten Introspektion und musikalischen Finesse zum Trotz, wartet der wahre Höhepunkt des Albums erst kurz vor dessen Ende auf: Bevor er auf dem zehnten und abschließenden Song des Albums sein Testament verkündet, schweift Jay-Zs Blick auf „Marcy Me“ noch einmal zurück in die Vergangenheit: „I’m from Marcy Houses, where the boys die by the thousand / Back when Pam was on Martin / Yeah, that’s where it all started.“ Für den wohl atmosphärischsten Beat des Albums verarbeitet No I.D. dazu ein wunderschönes Stück der portugiesischen Prog-Rock-Band Quarteto 1111.

Danach kann Jay-Z auf „Legacy“ getrost und gesättigt noch einmal den Hut vor den eigenen Errungenschaften ziehen. Immerhin hat er mit 4:44 sein wohl gelungenstes Album der letzten 14 Jahre abgeliefert.

On Repeat: „Kill Jay-Z“, „The Story of O.J.“, „Smile“, „Marcy Me“

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