„Miss 20 Something“ auf Sinnsuche

„Ctrl.“ von SZA

An Top Dawg Entertainment führte 2017 bisher kein Weg vorbei. Nur wenige Wochen nach Kendrick Lamars DAMN. legte das kalifornische Independent-Label jetzt in Zusammenarbeit mit RCA Records ein weiteres lang erwartetes Release vor: SZAs oft verschobenes Debütalbum Ctrl. Darauf macht die Sängerin musikalisch eine ganze Menge richtig, trifft inhaltlich den Zeitgeist ihrer Generation – und löst trotz allem (noch) nicht ihr volles Potenzial ein.

„I wish I was a normal girl“, singt SZA auf „Normal Girl“, dem zwölften Track ihres Debütalbums. Und dabei ist sie doch offensichtlich genau das: Auf Ctrl tritt die Sängerin nicht als unnahbare Popdiva auf, nicht als sich selbst perfekt in Szene setzendes Instagram-Model. Thematisch geht es zumeist eher um Selbstzweifel, um Unzufriedenheiten mit dem eigenen Aussehen und um Unsicherheiten mit der eigenen Außenwirkung. Es geht um Zwischenmenschliches und um unglückliche Beziehungen, etwa das unzufriedenstellende Dasein als sogenanntes Side-Chick, das sich – mangels Alternativen – ihren Mann mit einer anderen Frau teilt und doch eigentlich mehr will („The Weekend“).

Normaler könnte SZA also eigentlich kaum sein. Die Projektionsfläche, die die Texte auf Ctrl anderen alleinstehenden Mitt- bis Ende-Zwanzigern bieten, die sich gerade in einer Welt zurechtfinden, in der flüchtige Liebschaften mehr und mehr zur Normalität werden, ist zumindest groß. Dazu passt auch „20 Something“, der finale Song des Albums, auf dem sich SZA explizit als Teil der besagten Generation einordnet – einer Generation, der erst einmal alle Türen offenstehen und an der womöglich gerade deswegen die Selbstzweifel nagen. Einer Generation, die vielleicht gerade deswegen von getroffenen Entscheidungen zerrüttet wird, weil ihr die Alternativen immer vor Augen stehen. „This is me, Miss 20 Something. Ain’t got nothing, running from love, wish you were here.“

In musikalischer Hinsicht macht die Platte einen homogenen Eindruck, ohne dabei allzu eintönig zu geraten. Davon, dass die Musik in mehreren, durch verschiedenste Einflüsse geprägten Phasen über einen Zeitraum von mehreren Jahren entstanden ist, ist bei einem Hördurchgang nichts zu spüren. Auffällig ist dagegen, dass manche Songs bis ins Detail ausproduziert sind, während andere noch immer wie Skizzen anmuten, die ein größeres Potenzial andeuten, dieses aber – zumindest in den auf Ctrl enthaltenen Fassungen –  bis zur letzten Sekunde nicht einlösen. „Supermodel“ etwa, der Eröffnungstrack des Albums, klingt beinahe wie eine unfertige Interlude. Wie der Anfang eines Größeren, eines epochalen Finales, das aber nie zu Stande kommt.

So ist Ctrl. zwar ein starkes Debüt auf Albumlänge, das seinen Hype ohne Zweifel verdient hat, aber eben auch ein Album, das ein paar mehr musikalische Höhepunkte durchaus hätte gebrauchen können und auch inhaltlich ein wenig zu sehr und zu wenig hintergründig um den einen Gedankenkosmos kreist.

On Repeat: „Love Galore“, „Normal Girl“

 

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