Musikgeschichte in 8-Bit

Andrew Schartmanns „Koji Kondo’s Super Mario Bros. Soundtrack“

In einem „33 1/3“-Buch der unkonventionellen Sorte beschäftigt sich Andrew Schartmann mit einem musikalischen Werk, das vermutlich mehr Kindheitserinnerungen geprägt hat als ein Musik-Album im engeren Sinne das jemals könnte: Koji Kondos 8-Bit-Kompositionen für den NES-Spieleklassiker „Super Mario Bros.“.

Wer Musik und Bücher gleichermaßen liebt und dazu bestenfalls noch über eine ausgeprägte Sammelleidenschaft verfügt, der kam in den letzten 14 Jahren wohl kaum um die Buchreihe 33 1/3 herum. Als der erste Band der inzwischen etablierten Taschenbuch-Serie erschien, befand sich die Musikindustrie gerade inmitten eines folgenreichen Umbruchs: Das Albumformat schien aus dem Bewusstsein einer immer größer werdenden Hörerschaft zu verschwinden und Platz zu machen für die Shuffle-Funktion des seinerseits florierenden iPods. Die 33 1/3-Serie appellierte an eine andere Art von Musikkonsument: an jene Musikfanatiker, die sich noch Platten kauften und intensiv mit ihren Lieblingskünstlern auseinandersetzten. Jedes Buch der Reihe beschäftigt sich auf meist etwas mehr als 100 Seiten ausgiebig mit einem bestimmten Album der Musikgeschichte.

Von nahezu unkommentierten Interviews mit den Musikern (Endtroducing… von Elliot Wilder) bis hin zu abstrakteren Transfer-Leistungen (Let’s Talk About Love von Carl Wilson) und sogar fiktiven Texten (Songs from Big Pink von John Niven, Master of Reality von John Darnielle) war der Fantasie der Autoren dabei nie eine Grenze gesetzt. Und doch sticht ein Buch schon auf den ersten Blick aus der Liste der bisher 118 erschienenen 33 1/3-Titel heraus: Andrew Schartmanns Koji Kondo’s Super Mario Bros. Soundtrack.

Ton gewordene Kindheitserinnerungen

Doch auch wenn selbst der Autor des Buches daran scheitert, Koji Kondos insgesamt nur etwas mehr als dreiminütigen Videospiel-Soundtrack nachvollziehbar als ein Musikalbum zu kategorisieren: Man müsste schon arg pedantisch und oberflächlich sein, um diesem Buchprojekt schon von vornherein eine Existenzberechtigung abzusprechen. Ein Kriterium der Buchreihe nämlich erfüllen die 8-Bit-Klänge auf jeden Fall: In jedem der Töne steckt mehr Nostalgie als das ein Musikalbum im engeren Sinne wohl jemals bewerkstelligen könnte.

Nahezu jeder, der zwischen 1970 und Mitte der 90er-Jahre geboren wurde, dürfte Koji Kondos „Overworld“-Theme aus dem Stand dahinpfeifen können und mit schönen, längst vergangenen Kinder- und Jugendtagen in Verbindung bringen. Immerhin galt Super Mario Bros. jahrzehntelang als der meistverkaufte Titel der Videospielgeschichte – auch deswegen, weil das Spiel in den allermeisten Fällen gebündelt mit der Nintendo-Konsole Nintendo Entertainment System verkauft wurde. Wer also eine NES zu Hause hatte, der besaß in der Regel auch ein Exemplar von Super Mario Bros..

Musikgeschichte auf nur vier Kanälen

Das Spiel erschien zu einem einschneidenden Zeitpunkt in der Videospielgeschichte: Mitte der 1980er-Jahre galt die Branchenblase eigentlich als geplatzt. Atari, der Marktführer in den USA, hatte mit seiner Videospiel-Adaption zu Steven Spielbergs E.T.-Blockbuster gerade einen historischen Flop produziert, der bis heute sinnbildlich für das Ende der ersten großen Videospiel-Euphorie steht. Statt sich dadurch demotivieren zu lassen, begriff der japanische Entwickler Nintendo die Krise der Konkurrenz als Chance, endlich selbst auf den westlichen Märkten Fuß zu fassen. Und er wurde belohnt: Die Nintendo-Heimkonsole NES fand schnell rasenden Absatz, während Super Mario zur Kultfigur avancierte.

Die ersten Kapitel in Andrew Schartmanns Buch befassen sich ausführlich mit diesen Entstehungsumständen und Hintergründen zu Super Mario Bros.. Danach widmet sich Schartmann Koji Kondos Kompositionsphilosophie und dessen limitierten Mitteln: Fünf Soundkanäle ermöglichten auf der limitierten NES-Hardware gerade einmal drei verschiedene Klangfarben, ein „White Noise“-Kanal diente Koji Kondo als virtuelles Drumset. Die stilistische Vielfältigkeit innerhalb der verschiedenen NES-Soundtracks wirkt vor diesem Hintergrund umso beeindruckender: „[NES composers] used the power of innovation to overcome technological limitations“, schriebt diesbezüglich Schartmann.

Mozart, Bach und Kondo

Dass Schartmann eigentlich aus der klassischen Musik kommt, tritt spätestens in der zweiten Buchhälfte deutlich zu Tage: Detailverliebt analysiert er jedes einzelne der kurzen Musikstücke des Soundtracks, seitenweise werden Notationen in das Buch eingebunden. Dass er sich nicht einmal zu schade ist, Koji Kondo in eine Reihe mit Wolfgang Amadeus Mozart zu stellen, zeigt eindrucksvoll, wie viel von der an der Oberfläche bestehenden „Primitivität“ der 8-Bit-Klänge bei einer genaueren Analyse übrigbleibt.

Was eine Stärke des Buches sein könnte, erweist sich aber leider eher als eine Schwäche. Bei all der Musiktheorie nämlich verliert Schartmann das eigentlich Wesentliche aus den Augen: den kulturellen und musikalischen Einfluss, den Kondos Kompositionen bis heute nach sich ziehen.

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sscover

Andrew Schartmann: Koji Kondo’s Super Mario Bros. Soundtrack (33 1/3)
168 Seiten, erschienen 2015 im Bloomsbury-Verlag

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